
Lagonda M45R 1935 Sieger von Le Mans
3. März 2015
Die britische Autoindustrie hat eine reiche, aber auch bewegte Geschichte. Im Laufe der Jahre gab es eine grosse Vielfalt an Marken, die kamen und gingen, als ware es das Normalste der Welt.
Eine dieser vielen Marken war Lagonda, 1906 in England von einem Amerikaner, Wilbur Gunn, gegrundet. Die Entstehung des Namens Lagonda ist besonders. Grunders Gunn Idee war es, seine Automarke nach dem Lagonda Creek zu benennen, einem kleinen Fluss in der Nahe seiner Geburtsstadt Springfield im Bundesstaat Ohio.
Lagonda stellte in seinen Anfangsjahren recht gut verkaufte Autos her, die auch an Rennen teilnahmen. So nahm man 1910 an der Fahrt von Moskau nach St. Petersburg teil, die mit einem fur damalige Verhaltnisse recht fortschrittlichen Auto mit Sechszylindermotor gewonnen wurde. Die Folge davon war, dass sich die feine Gesellschaft Russlands gerne mit der Marke Lagonda fortbewegte.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste ein Kurswechsel erfolgen. Der wichtige russische Markt war infolge der Revolution versiegt, und in England erholte sich der Markt nach den Kriegsanstrengungen nur langsam. Man baute oft kleinere Autos, die auch im Rennsport auf sich aufmerksam machten. Anfang der dreißiger Jahre wurden zwei neue Modelle eingefuhrt: das mit einem 1100-cc-Motor ausgestattete Modell Rapier und das Modell M45, das von einem 4,5-Liter-Sechszylindermotor angetrieben wurde.
Was die Teilnahme an Rennen betraf, war es nicht das Werk selbst, sondern einer der prominenteren Handler der Marke, der die Initiative ergriff. Dies war Fox & Nicholl mit Sitz in Tolworth, Surrey. In den zwanziger Jahren sorgten sie dafur, dass die Wagen wettbewerbsfahig wurden. Fox & Nicholl wollten jedoch Siege einfahren, und es erwies sich als schwierig, die Lagondas ohne Unterstutzung durch das Werk weiterzuentwickeln. Man wechselte zu Alfa Romeo, die zu dieser Zeit das Modell 8C 2300 bauten, ein ideales Auto fur Langstreckenrennen anstelle des Lagonda.
Eines der prestigetrachtigsten Rennen im englischen Kalender, die TT auf dem Kurs von Ards in Nordirland, verbot im August 1934 die Teilnahme von Autos mit Kompressor bei diesem Rennen. Also keine Alfas am Start. Fox & Nicholl wollten jedoch unbedingt an diesem Rennen teilnehmen und griffen auf ihre alte Liebe zur Lagonda zuruck, genauer gesagt auf das damals neue Modell M45. Davon wurden drei Exemplare bestellt, ausgestattet mit speziell spezifizierten Teilen, die im Werk montiert wurden. Nachdem die Wagen ausgeliefert waren, wurde zudem der sechszylinderige 4,5-Liter-Meadows-Motor (ohne Kompressor!) ebenfalls uberarbeitet. Eine spezielle Kurbelwelle und ein entsprechender Motorblock sollten dem Wagen zu beeindruckenden Fahrleistungen verhelfen. Als pikantes Detail wurde am Heck eine aerodynamische Finne montiert. Dies hatte man sich bei Fox & Nicholl von den Alfas abgeschaut, mit denen man damals vorzugsweise fuhr. Mit in England bekannten Fahrern wie Lewis, Hindmarsh und Cobb (spater bekannt als Inhaber des Landgeschwindigkeitsweltrekords) landeten alle drei Lagondas weit oben in der Wertung der TT.
Mit Lagonda selbst lief es in dieser Zeit geschaftlich nicht besonders gut. Das kleine Modell, der Rapier, verkaufte sich schlecht und unverkaufte Autos fullten die Fabrikhallen von Lagonda. Die Finanzen des Unternehmens waren prekars. Lagonda stand am Rand des Abgrunds. Es wurde daher Nachlassstundung beantragt. Mitten in all dieser Aufregung gab Fox & Nicholl bekannt, ein Auto fur das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1935 zu melden. Die 13,5 Kilometer lange Strecke de la Sarthe, auf der das 24-Stunden-Rennen ausgetragen wurde, sah damals wie folgt aus

Es war eines der drei Autos, die an der TT (Tourist Trophy) teilgenommen hatten. Als Fahrer wurden Hindmarsh und der Neuling Fontes bestimmt. Ersterer war als solider und zuverlassiger Fahrer bekannt. Seine normale Arbeit war Testpilot bei den Hawker Flugzeugwerken, wo er viele Testfluge mit der spater beruhmten Hurricane durchfuhrte. Fontes war jedoch ein Neuling. Er war der Sohn eines brasilianischen Diplomaten, der in London stationiert war. Sein Fahrstil wurde damals als wild, aber sehr schnell beschrieben. Im Jahr zuvor hatte er eine Reihe beachtlicher Ergebnisse erzielt, wodurch er bei Lagonda ins Blickfeld geriet. Spater wurde noch ein zweiter Lagonda als Reserve gemeldet. Dieser sollte, falls er zum Einsatz kam, unter anderem von Dr. J. Benjafield gefahren werden, der als einer der Bentley Boys beruhmt geworden war. Er hatte den Wagen, wiederum eines der drei Fahrzeuge aus der TT, bei Fox & Nichioll gekauft. Dieses Auto sollte schliesslich starten, aber im Hinterfeld enden.
Im Juni 1935 sollte das 24-Stunden-Rennen unter schwierigen Wetterbedingungen starten.

Im Vorfeld galten die Alfas als haushohe Favoriten. Sie hatten in den vergangenen vier Jahren das Rennen gewonnen, und die gemeldeten Wagen vom Typ 8C 2300 waren sehr schnell und scheinbar sehr zuverlassig. Im Training waren sie ebenfalls die schnellsten, mit dem Lagonda auf dem siebten Platz. Kurz nach dem Start begann es zu regnen, und das uberwiegend nasse Wetter sollte dem Rennen seinen Stempel aufdrucken. Die beiden schnellsten Alfas bekamen bald Zundungsprobleme, was zu ihrem Ausfall fuhrte. BPK 202 (der Wagen von Hindmarsh und Fontes) arbeitete sich auf den zweiten Platz vor.
Gegen Abend jedoch kollidierte man mit einem Aston Martin, der kurz zuvor direkt vor ihnen ins Schleudern geraten war. Die Vorderradaufhangung wurde beschaftigt und in der Box mehr oder weniger provisorisch repariert. Frederick Gordon Crosby verewigte diesen Zusammenstoss in der untenstehenden Kohlezeichnung.

Der fuhrende Alfa, gefahren vom Franzosen Raymond Sommer, lag inzwischen zwei Runden in Front. Sommer musste allein fahren, weil sein Beifahrer krank geworden war und kein Ersatz gefunden werden konnte. Eine Situation, die heute undenkbar ware. Mitten in der Nacht blieb Sommers Alfa stehen, aber er konnte den Wagen mit grosser Muhe zuruck an die Boxen bringen. Die anschliessende Reparatur dauerte so lange, dass das Auto im Grunde aus dem Rennen um den Gesamtsieg ausgeschieden war.
Die Beschaftigung an BPK 202, die beim fruheren Zusammenstoss entstanden war, behinderte die Fahrer stark, aber trotzdem lag der Wagen gut im Rennen. Die verbliebenen Alfas von Stoffel/Helde und Lewis/Howe belegten die ersten beiden Platze. Letzterer schied mit Kolbenproblemen aus, wahrend der andere mit einem Wasserleck zu kampfen hatte.

Das Auto von Hindmarsh und Fontes bekam noch mehr Probleme. Gegen Ende des Rennens wurde der Olldruck sehr niedrig, weshalb ein Boxenstopp eingelegt wurde, um dies zu melden. Fontes, der das letzte Stuck fahren durfte, bekam den Rat, es ruhig angehen zu lassen. Das tat er auch, aber das hatte zur Folge, dass der Alfa Romeo von Stoffel wahrend der letzten Stunde in derselben Runde wie der Lagonda lag. Dies wurde von der chauvinistischen franzosischen Rennleitung felschlicherweise so ausgelegt, dass Stoffel und Helde (beide Franzosen!) die Fuhrung ubernommen hatten! Nach vielem Hin und Her war man dann doch davon uberzeugt, dass dies nicht der Fall war!
Als die Zielflagge fiel, lag der Lagonda knapp vor dem Alfa von Stoffel, beide Wagen am Ende ihrer Krafte. So stellte sich heraus, dass die Oelwanne des siegreichen Lagonda nur noch einen halben Liter Oel enthielt!
Dieser Sieg war fur Lagonda angesichts der vielen Probleme sehr wichtig. Auch infolge dieses Erfolgs wurde ein Geldgeber gefunden und Lagonda konnte weiterbestehen.
Die beiden Fahrer konnten ihren Erfolg nur in begrenztem Masse geniessen. Hindmarsh kam 1938, also noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, bei einem seiner vielen Testfluge mit der Hawker Hurricane ums Leben. Das Schicksal von Fontes war bizarr. Wie ein Komet war er in der relativ kleinen englischen Rennszene nach oben geschossen und mit derselben Geschwindigkeit wieder verschwunden. Fontes war in einen Autounfall verwickelt, bei dem ihm infolge von "ruecksichtslosem Fahrverhalten" fahrlaessige Toetung zur Last gelegt wurde. Nach einer zweifelhaften Verurteilung verbrachte er einige Zeit im Gefaengnis, womit seine Rennkarriere beendet war. Nach seiner Rehabilitierung und anschliessenden Entlassung ging er zur RAF, wo er Pilot wurde. Im Krieg kam er bei einem Flugzeugunglueck ums Leben.

Fur den aufmerksamen Besucher des Louwman Museums noch Folgendes.Dieses Auto steht nicht nur im Museum, sondern ist auch (mit beiden Fahrern) auf einer Karikatur abgebildet, die von Frederic Gordon Crosby geschaffen wurde. Diese hangt zusammen mit mehreren anderen Drucken auf der rechten Seite, wenn man den Kunstsaal betritt.
Peter Helbach